Die Sonne strahlt – der Himmel ganz blau. 31. Juli, halb vier. Die Abdankungshalle des Krematoriums ist düster, erhellt durch eine Diaprojektion an der Wand links vom Rednerpult. Walo als Jugendlicher auf einem Balkon über Thun. Seine Haare lang und blond, kecker Blick in die Kamera. Walo Schwarz-Weiss – wahrscheinlich in den 80er Jahren, im Hintergrund eine Fabrikhalle. Walo vor wenigen Monaten im ‹Alpenrösli› mit einem Bier und einer Zeitung. Und das Ganze wieder von vorn, begleitet von seiner Lieblingsmusik.Die Abdankungshalle ist erhellt durch die Diaprojektion, erhellt durch zahlreiche Teelichter, in der Mitte ein ‹Feldschlösschen› und sein Handy. Draussen strahlt die Sonne, die Abdankungshalle ist voll. Keine Bank ist mehr frei. Da sitzen junge Männer, junge Frauen – Skater, Punks, Hippies. Da sitzen alte Damen, Drogenabhängige, Alkoholiker, Männer in Anzügen, Kinder. Da sitzt seine Familie, Maye, Barbara, Daniela, Röbu und Nora. An diesem Nachmittag sitzen wir alle im selben Raum, all diese Menschen, die Walo geschätzt haben – jeder auf seine Art. Und alle denken an Walo. Wie hat er das gemacht – dieser Alkoholiker? Er hat fasziniert – jeden auf seine Art. Frauen haben ihn verehrt. Andere haben zu ihm aufgeschaut, ihn um Rat gefragt. Er war wie ein Vater. Manche haben mit ihm Exzesse erlebt, die verbunden haben. Für einige ist er wie ein Bruder gewesen, ein Begleiter. Jeder hat ihn auf seine Art erlebt, auf seine Art gemocht – jeder in diesem Raum.
Walo als Jugendlicher auf einem Balkon über Thun. Seine Haare lang und blond, kecker Blick in die Kamera. Walo Schwarz-Weiss – wahrscheinlich in den 80er Jahren, im Hintergrund eine Fabrikhalle. Walo vor wenigen Monaten im ‹Alpenrösli› mit einem Bier und einer Zeitung. Und das Ganze wieder von vorn.
Andreas Oppliger 1956 – 2008
Die Urne gleitet in die Erde. Stille. Ein Schniefen. Ein Schluchzen. Ein Gedicht. Jemand geht zum Grab, wirft eine Blume hinein. Andere folgen diesem Beispiel. Blumen fallen in die Erde, Sonnenblumen, Rosen und andere Erinnerungsstücke, Glücksbringer. Ein Mann steht neben mir, dunkles Haar, bleich – ein Drogenabhängiger. Ich habe ihn auch schon gesehen. Er ist unsicher auf den Beinen. Er wird nervös, tritt von einem Bein auf das andere. Sein Blick streift suchend umher. Er verschwindet nach hinten, weg vom Grab. Immer noch Stille. Manchmal tritt wieder jemand aus der Menge, wirft eine Blume ins Grab. Jetzt tritt der Drogenabhängige aus der Menge hervor. Er geht zum Grab, kniet nieder, wirft eine Handvoll Erde in die Tiefe. Er bekreuzigt sich, steht wieder auf. Seine Hände wischt er an den Jeans ab und er geht.
Daniela ruft mich an. Sie hat meine Nummer in Walo’s Handy gefunden. Sie hat beim Aufräumen eine Kiste gefunden mit Fotos – eine Sammlung von Bildern aus fast 52 Jahren – darunter auch die Bilder, die ich gemacht habe von Walo.
Einige sehen abgenutzt aus, geknickt. je t’aime et je t’aime et je t’aime glaube ich auf einem Foto in fast unleserlicher Schrift entziffern zu können – Kugelschreiberschrift tief in die glänzende Schicht des Fotopapiers eingeritzt. Ich weiss nicht, wer das geschrieben hat. Ich kenne Walo’s Schrift nicht, aber die Fotos haben mit Walo schon ein bisschen mitgelebt. Ich gebe die Bilder aus den letzten Monaten von Walo’s Leben einigen Menschen, die ihm nahe gestanden haben. Sie sollen jetzt den Alltag seiner Freunde, seiner Familie begleiten. In einigen Wochen werde ich sie wieder holen und sehen, was mit den Bildern von Walo bei seinen Freunden, bei seiner Familie passiert ist.
Ich treffe mich mit Barbara im ‹Waisenhaus› zu einem Kaffee. Ich glaube, sie ist Walo’s grosse Liebe gewesen.
Schon Tage vor seinem Eintritt ins Spital haben ihm seine Freunde geraten zum Arzt zum gehen, erzählt sie mir. Seine Augen sind gelb gewesen. Sein Arzt sei in den Ferien, hat Walo gesagt. Daniela ist die erste, die ihn im Spital besucht. Barbara ist noch in den Ferien und Maye wohnt in einer anderen Stadt. Das Spital hat eine Bezugsperson verlangt, die man informieren kann, wenn etwas ist. Walo hat Daniela angegeben. Sie sind jeden Tag zusammen gewesen im ‹Alpenrösli›. Sie haben sich gut gekannt. Als Daniela vor einigen Jahren aus dem Wallis nach Thun gekommen ist, hat sie Walo kennen gelernt, einer der ersten Menschen aus Thun. Walo hatte ihr den Job vermittelt im ‹Alpenrösli›. Am Abend ist Barbara ins Spital gekommen. Daniela und Barbara haben sich gekannt. Sie haben sich einige Male im Alpenrösli gesehen, wenn Barbara Walo besucht hat. Sie haben Maye angerufen, Barbara und Daniela, sie informiert, dass es Walo nicht gut geht. Am nächsten Tag sind alle drei Frauen im Spital Thun. Walo hat nun drei Bezugspersonen, die er dem Spital angegeben hat – drei Bezugsfrauen, Maye, seine Schwester, Barbara und Daniela – so etwas wie seine Tochter. Sie haben sich durch Walo kennen gelernt, die drei Frauen – die drei Engel für Walo. Sie drei sind viel bei Walo im Spital, organisieren nach seinem Tod die Beerdigung, räumen seine Wohnung aus.
«Frauenbeine in Stiefeln sind sexy» sagt Walo, als ich mit meinen hohen Cowboystiefeln vor Fabiennes Tisch im ‹Alpenrösli› stehe. Es klingt wie eine freudige Feststellung – seine ersten Worte an mich. Er ist dabei aufgestanden und macht mir einen Platz frei. Ich schaue ihn an, überrascht irgendwie über diese Begrüssung. Er trägt auch Stiefel und blickt einfach freundlich zurück. Ein klarer Blick aus getrübten Augen. «Danke» lache ich und setze mich zu ihm und Fabienne an den Tisch. Fabienne arbeitet seit kurzer Zeit im ‹Alpenrösli› Es ist noch kein Gast da. Es ist erst fünf. Nur Walo. Wahrscheinlich ein Stammgast, denke ich. Ich habe ihn auch schon in der Stadt gesehen, spazieren mit einem Hund. Er ist mir aufgefallen. Seine Haare, schon etwas grau, fallen in langen Strähnen über seine schwarze Lederjacke – ein leicht vornübergeneigter Gang, der grosse Hund.
Warum ich mich von ihm nicht provoziert gefühlt habe bei seiner Begrüssung, frage ich mich und schaue ihn erneut an. Sein Blick wirkt offen, interessiert. Er trinkt sein Bier aus, steht auf und verschwindet hinter die Theke. «Wer ist das?» «Walo. Er gehört hier fast dazu. Er wohnt im ersten Stock.» Walo kommt mit einem frischen Bier und setzt sich wieder zu uns.
«Woher kommst du?»
«Was machst du?»
«Hast du schon mal ausgestellt?»
«In Thun auch?»
«Dann kennst du Reto Camenisch?»
Er will alles von mir wissen. Es folgen interessante Diskussionen – über die Kunst, über Politik und die Geschichte, über Vergangenes, selber Erlebtes, Gelesenes, über Filme und Musik. Walo erzählt. Walo will meine Ansichten hören.
Wenn ich Fabienne im ‹Alpenrösli› besuche, vergesse ich die Zeit – jedes Mal.
Walo ist in Thun aufgewachsen. Er lebt in Thun. Er liebt Thun und er hasst Thun.Er kennt viele Leute und sie kennen ihn. Viel mehr gibt er nicht preis. Aber er grüsst immer auf der Strasse. Er grüsst in seiner Lederjacke, mit dem Hund. Bei Regen trägt er manchmal einen braunen Hut mit Krempe und Ohrenwärmer an den Seiten. Wir biegen beim Kreisel rechts in die Allmend-
strasse ein. Vor uns ein Mann mit Hund, Walo. Er wirkt irritiert, scheint mich nicht wahrzunehmen, obwohl ich direkt vor ihm stehe und grüsse. Als wäre ich ein Phantom blickt er mich an, als wäre er soeben aus einem Traum erwacht. Wir gehen weiter und ich erzähle meiner Mutter von Walo. Sie findet ihn gut aussehend. Erstaunlich in meinen Augen. Wird wohl aus den 68er kommen, diese Vorliebe für langhaarige Männer, denke ich mir. «Er hat gelebt. Das sieht man.» Ergänzt sie noch, vielleicht weil sie meinen überraschten Blick bemerkt hat.
Walo sitzt schon an seinem Stammplatz, als ich das ‹Alpenrösli› betrete, vor einer Zeitung. Er liest jeden Tag Zeitung. Wenn er das lokale Blatt gelesen hat, widmet er sich weiteren Tageszeitungen, trinkt dazu einen Kaffee und holt sich dann ein Bier. Ich setze mich zu ihm. Er liest den Artikel zu Ende – es geht um den Bau des Fussballstadions, sehe ich.
Ich mag Menschen, die sich nicht stören lassen. Er blickt auf. «Regine. Regine von Felten, nicht wahr?» Er will wissen, wer das gewesen ist letzte Woche, als sich unsere Wege an der Allmendstrasse gekreuzt haben. Walo kennt meine Mutter. Er kennt auch Therese. Therese – er nennt sie Resä – die jüngere Schwester meiner Mutter. Walo wurde noch Andreas genannt damals und fand meine Tante toll. Seine Eltern haben ein Reinigungsgeschäft geführt in der Stadt.
«Wie sieht sie heute aus?»
«Hat sie Kinder?»
«Wo lebt sie?»
Andreas Oppliger. Meine Mutter erinnert sich an den Andreas. Er ist ein paar Jahre jünger und hat schon als Jugendlicher langes Haar gehabt – blondes, langes Haar. Meine Tante sagt, er sei zurückhaltend, schüchtern gewesen. Aber als Walo kennen sie ihn nicht. So wird er erst nach der Schule genannt. Der Ursprung dieses Namens sei kompliziert, meint Walo, als ich danach frage. Er komme von einer Comicfigur. Ein abgeleiteter Name einer Comicfigur, die viel trinkt. Er habe auch viel getrunken mit 16, deshalb der Name. Als Andreas, als Res kennen sie ihn, die zwei Baumann Schwestern. Er ist manchmal mit anderen Jungen zu ihnen gekommen, zum Bierdepot, wo mein Grossvater gearbeitet hat. Er sei der jüngste gewesen, jünger noch als Therese – deshalb vielleicht auch die Schüchternheit.
Es wird wieder Winter. Fabienne arbeitet schon lange nicht mehr im ‹Alpenrösli›. Ich bin auf dem Heimweg – woher weiss ich nicht mehr. Es dämmert – schönes Licht, Walo mit Hund und Sonnenbrille im Selve Areal. Für einen kurzen Moment ist es, als würde ich ein Foto von Walo anschauen und ich weiss, dass ich Walo fotografieren muss.
«Wofür brauchst du die Bilder?»
«Was muss ich machen?»
«Kann ich Arbeiten von dir sehen?»
Ich erzähle ihm von meinen Projekten, von meinen Ideen, möchte aber keine Bilder zeigen – erst nachher, nach unserer Zusammenarbeit.
Eine Woche später sitzen wir bei Hidir, im ‹Café Central› auf dem Mühleplatz – ich mit meiner ‹Nikon› und Walo. Walo trägt wieder die Sonnenbrille. «Sie ist ein bisschen verbogen, meine Brille, aber wie findest du sie? Ich habe sie geschenkt bekommen.» Ein bisschen staubig ist sie auch, aber ich mag Fliegersonnenbrillen.
Walo trinkt ein Bier, erzählt Anekdoten aus seinem Leben.Dann will Walo Zeitung lesen. Ich bezahle. Wir gehen eine Beiz weiter, zu Kaffee und Zeitung. Walo setzt seine Lesebrille auf und liest, schüttelt den Kopf, lacht und murmelt vor sich hin. Ich sitze ihm gegenüber. Ich suche Bilder und drücke ab. Wir reden nichts mehr – 40 Minuten vielleicht. Dann noch ein Bier. Walo bezahlt. Wir gehen.
Die meisten Treffen finden im ‹Alpenrösli› statt. Manchmal gehen wir nach Kaffee, Bier und Zeitung noch weiter. Manchmal bleiben wir in Gesprächen hängen, an der Wärme bei Daniela, Nora und Röbu – ihm gehört das ‹Alpenrösli›. Walo geht nicht so gerne aus dem Haus, wenn es kalt und regnerisch ist. Den Spaziergang mit dem Hund macht er aber bei jedem Wetter, halt nur einen kurzen Rundgang ins Schwäbis.
Als ich das ‹Alpenrösli› zum abgemachten Zeitpunkt betrete – wie immer um vier – ist Walo noch nicht da. Daniela ist fast immer da, wenn ich komme. Daniela arbeitet im ‹Alpenrösli›, bietet mir etwas zu trinken an – Espresso und Wasser – und ruft nach Walo. Er ist erstaunt, dass schon vier ist. Wir setzen uns an den Tisch neben der kleinen Bühne. Daniela setzt sich zu uns – wahrscheinlich sitzen sie oft vor der Öffnung des ‹Alpenrösli› so zusammen. Ich habe sie auch schon so angetroffen, am langen Tisch neben der Bühne. Wir reden über den vergangenen Tag, über Berichte der Zeitung, das letzte Wochenende. Ich mache Bilder. Die Gespräche laufen fast ungestört weiter – fast ungestört vom Kliklack der ‹Nikon› und meinen Verrenkungen. Walo nimmt meinen Fotoapparat kaum wahr. Manchmal fragt er, ob er in die Kamera schauen soll oder nicht. Dann reden wir über Fotos, über Kameras. Walo holt seine kleine schwarze Kompaktkamera, sie funktioniert im Moment nicht. Auf dem letzten Film ist nichts. Er will noch zum Fotogeschäft ‹Schuler› heute.
Er hat sie, seine ‹Panasonic›, von seinem Vater bekommen. Manchmal fotografiert er an Konzerten, einmal im ‹Bierhübeli› und manchmal im ‹Alpenrösli›, da fotografiert er auch seine Freunde und andere Gäste. Das nächste mal, sagt er, will er mir seine Fotos zeigen. Er müsse sie noch suchen. Er habe auch noch Fotos, die Christian Helmle und Reto Camenisch von ihm gemacht haben. Camenisch habe ihn einmal fotografiert für ein Buch. Danach habe er ein Bier spendiert bekommen.
Er erzählt viel von Reto. Er weiss immer wann er ausstellt und wo. Ich habe lange nicht gewusst, dass sie so gute Freunde gewesen sind. Ich habe gedacht, Walo bewundert diesen Fotografen, der einige Bilder von ihm gemacht hat. Dann holt Walo das Buch, ‹Bürgerbilder› voller Stolz. Das Buch sieht schon abgenutzt aus, vom vielen Anschauen und Zeigen, wahrscheinlich. Die Seite mit seinem Portrait findet er schnell – vielleicht weiss er die Seitenzahl oder es sind die vielen Ecken, die seinen Daumen beim Durchblättern stoppen. Er schlägt die Seite auf, Seite 121 Walo in Schwarz-Weiss vor schwarzem Hintergrund mit einer Lichterkette. Er hält ein Bier. ‹Freak› steht darunter. Das zeigt er mir lachend. Walo beginnt zu erzählen. Er erzählt mit glänzenden Augen von früher. Sie haben zusammen die Jugendjahre erlebt, Reto, er, Röbu und weitere Freunde. Sie sind oft ausgegangen, in verschiedene Bars und Kneipen, in die ‹Schlossbergbar›, in die ‹Tigerfalle›. Sie haben viel ausprobiert, Grenzen ausgetestet, sagt er und sie haben noch an eine bessere Welt geglaubt. «Das waren wilde Zeiten» sagt er, aber irgendwann sei jeder seinen eigenen Weg gegangen. Nora ruft. Es hat einen Regenbogen am Himmel.
Jedes Mal, wenn wir uns treffen, bringe ich ihm die neuen Fotos mit. Er soll sie bei sich aufbewahren. Er soll sie in seinen Alltag integrieren – einfach keine Sorge dazu tragen. Irgendwann werde ich sie wieder holen und sehen, was mit meinen Bildern von Walo bei Walo passiert ist.
Ich rufe Walo an – wie er mich gebeten hat, immer nach 14 Uhr. Vorher schläft er wahrscheinlich noch. Er sagt, er sei gerade im Stress. «Vielleicht morgen. Geht das auch? Dann ruf morgen noch einmal an.» Er will ausziehen aus der Wohnung oberhalb des ‹Alpenrösli›. Er ist auf Wohnungssuche und er muss noch putzen und einkaufen im ‹Coop›. Walo geht nie in die ‹Migros›, immer in den ‹Coop›.
Walo ist oft im Stress. Es passt einfach gerade nicht. Er hat andere Pläne.
Beim nächsten Anruf hat er Zeit. Ich gehe wieder um vier ins ‹Alpenrösli›. Ich stehe im Eingang. Walo kommt mit seiner Panasonic die Treppe runter. Ich muss mich hinstellen, in seine Kamera schauen. «Sie funktioniert wieder. Der letzte Film ist nicht richtig eingespult worden. Kannst du mir nachher einen neuen einlegen?» Er legt eine Schachtel auf den Tisch, holt uns einen Kaffee. Wir setzen uns. In der Schachtel befindet sich seine Fotosammlung. Eine reiche Sammlung an Bildern aus verschiedenen Zeiten. Da sind Bilder aus seiner Jugend – die Farben verblasst, selbst entwickelte Schwarz-Weiss-Bilder – von Reto Camenisch, von Christian Helmle. Und er hat auch Passbilder von sich aus dem Schwarz-Weiss-Automaten – noch alle Vier an einem Stück und neuere Farbbilder von Menschen im ‹Alpenrösli›, von Frauen und Bilder, die ihn zeigen an verschiedenen Orten. Einmal sieht man ihn auf einem Hof – da war er dicker als jetzt. «Ich müsse abnehmen, hat der Arzt gesagt. Er gab mir nicht mehr viel Zeit zu Leben, wenn ich nicht meine Lebensumstände ändere.» Zu jedem Foto erzählt er eine Geschichte, erklärt mir, wer zu sehen ist, nennt jeden Namen.
Dann will Walo im ‹Selve Areal› fotografieren gehen. Das hat er schon vor einiger Zeit vorgeschlagen. Es erstaunt mich, dass Walo raus will. Es regnet. Es ist kalt. Aber heute setzt er seinen Hut auf, klappt die Ohrwärmer runter und packt die Kamera ein.
Das ‹Selve Areal›, eine alte Industriestrasse, bis vor kurzem die Ausgangsmeile der Thuner Jugend. Jetzt weichen die alten Hallen den Büros der Behörden. Einige Gebäude sind schon abgerissen, andere stehen noch, aber es wirkt tot. Wie ein Friedhof aus Erinnerungen. Scheiben sind eingeschlagen, Türen eingetreten und wieder mit Holzlatten abgeschlossen. Walo wählt die Orte aus, wo er fotografiert werden will – vor der Malung der Erde, vor einem Graffiti einer lasziv liegenden Frau, vor seinen Clubs - und er zeigt mir den roten Backsteinkamin, der Turm hinter dem ehemaligen ‹Club Ex›. «Hoffentlich sehe ich, wenn sie den abreissen! Da würde ich wirklich gerne zuschauen.»
Wenn er sich vor eine ausgewählte Wand, vor eine Türe stellt für ein Foto klappt er die Ohrwärmer hoch, versteckt sie unter dem braunen Hut. Manchmal setzt er die Sonnenbrille auf.Im ‹Late Night› hat er manchmal Musik aufgelegt. Er war von Anfang dabei in der ‹Selve›, als es angefangen hat mit den ersten Clubs. Er schaut durch jedes Fenster, durch jede Ritze in die leeren Hallen er erzählt.
Einmal an einem Abend, als ich vor einem Konzertbesuch im ‹Café Mokka› noch kurz nebenan ins ‹Alpenrösli› gehe, sitzt Walo auf einem Barhocker am Tresen, in Begleitung einer Frau. Eine schöne Frau, dunkles, langes Haar, blaue, dezent geschminkte Augen, aufmerksamer Blick. Sie lachen. Walo ist ganz konzentriert auf sie. Walo stellt sie mir vor. Barbara. Ich habe Walo schon oft mit Frauen gesehen, mit jungen Frauen, älteren Frauen. Aber das muss jetzt Barbara sein. Er hat von ihr erzählt. Er kennt sie seit seiner Jugendzeit. Sie waren damals ein Paar, bis sie ging – nach Italien, dann nach Zürich. Vor kurzem haben sie sich getroffen. Sie hat zwei Kinder, beschäftigt sich mit Astrologie. Sie hat ihm sein Horoskop erstellt. Es sei erstaunlich, wie viel tatsächlich auf ihn zutreffe, hat mir Walo eines Nachmittags im ‹Ratstübli› erzählt. Das muss jetzt also diese Barbara sein. Es ist laut und hat viele Leute. Ich gehe in’s ‹Mokka›.
Im Sommer habe ich Walo fast nie besucht. Etwas ist immer dazwischen gekommen – entweder ist er im Stress gewesen oder ich. Telefoniert haben wir ein paar Mal. Er hat jedes Mal nachgefragt, was ich mache. Ich habe ihm von meinen Reisen nach Deutschland erzählt, von meinen Ausstellungen.
Im August rufen mich meine Eltern an. Ich bin unterwegs, irgendwo. Sie sind nach Thun spaziert. Sie haben Walo auf einem seiner Hunderundgänge angetroffen. «Seine Augen sind ganz gelb. Ich glaube nicht, dass Walo noch lange leben wird. Vielleicht nur noch ein paar Tage.» sagt mein Vater. Auf die Frage, wie es ihm gehe, habe er geantwortet: «Jetzt haben sie gerade den Turm abgerissen. Ich habe zugeschaut.» Ich habe gewusst, dass es Walo nicht so gut geht. Er hat viel getrunken. Und man hat erzählt in der Stadt – man hat erzählt von seinen Leberproblemen. Vor drei Jahren hat er für einige Monate aufgehört zu trinken, weil ihm ein Arzt ins Gewissen geredet hat und seine Freunde auch. Irgendwann hat er wieder angefangen.
Zwei Tage später rufe ich an. Es ist Dienstag. Ich verstehe Walo schlecht. Er spricht undeutlich. Er spricht langsam, mit schwerer Zunge. «Ich bin im Spital. Es geht nicht so gut.» Er will Besuch, einfach nicht zu früh, meint er, nach dem Mittag.
Am Mittwoch betrete ich das rote Spital, mit dabei meine ‹Nikon›, meine Arbeit ‹Pilze haben keine Blätter›, ein Stapel Zeitungen. Es ist kurz nach Mittag. Andreas Oppliger liegt im Zimmer 408. Ich klopfe, trete ein. Walo... Gelbe Augen versuchen Bilder einzufangen, versuchen mich einzufangen. Gelb ist auch die Haut. Er liegt direkt am Fenster, sieht zum Schloss. Zwei Frauen sind da. Barbara und Maye. «Kommst du morgen wieder?» Walo schaut Barbara an, hält ihre Hand mit beiden Händen fest. Sie verlassen das Zimmer – ich weiss nicht, ob sie gerade gehen wollten oder ob es meinetwegen ist. Ich lege die Zeitungen auf den Tisch, neben Blumen und Teekrug. Er wird sie nicht lesen. Ich setze mich zu ihm ans Bett. Seine Augen schauen mich durch einen trüben Schleier an. Seine Augen fixieren mich. Wir wechseln einige Worte. Es fällt ihm schwer zu sprechen. Ich zeige ihm ‹Pilze haben keine Blätter›. Er zittert leicht, hat kaum Kraft in den Händen. Manchmal stöhnt er ein bisschen. Ich blättere weiter. Er strengt sich an, kommentiert jedes Foto. Walo hat Schmerzen. Er hat Bauchschmerzen, Rückenschmerzen. Eine Frau betritt das Zimmer. Sie fegt den Boden. «Was hat sie da geschrieben, deine Grossmutter?» Walo hat Durst. Er trinkt ein bisschen Tee, zwei kleine Schlucke aus dem Glas, das ich halte. «Sind das Pilze? Warum hat sie die an die Decke gezeichnet?» Dann leises Stöhnen. Nach dem letzten Bild verabschiede ich mich. Walo will etwas schlafen. «Machs gut in Berlin!» sagt er. «Melde dich doch nächste Woche. Ich muss jetzt ein bisschen schlafen. Vielleicht geht es mir ja nächste Woche besser.» An der Türe steht Maye mit zwei Jungen – wahrscheinlich ihre Söhne. Sie sagt, sie sei die Schwester von Walo. Walo drückt meine Hand. Tschau Walo, sage ich. Tschau Walo und merci, denke ich. Ich gehe mit der ‹Nikon›. Ich habe sie nicht ausgepackt.
Die Sonne strahlt – der Himmel ganz blau. 31. Juli, halb vier. Die Abdankungshalle des Krematoriums ist düster, erhellt durch eine Diaprojektion an der Wand links vom Rednerpult. Walo als Jugendlicher auf einem Balkon über Thun. Seine Haare lang und blond, kecker Blick in die Kamera. Walo Schwarz-Weiss – wahrscheinlich in den 80er Jahren, im Hintergrund eine Fabrikhalle. Walo vor wenigen Monaten im ‹Alpenrösli› mit einem Bier und einer Zeitung. Und das Ganze wieder von vorn, begleitet von seiner Lieblingsmusik.
Bilder auf www.reginevonfelten.ch
Der Dank geht an Walo
und an alle, die mir geholfen und mich unterstützt haben. Merci!
Walo als Jugendlicher auf einem Balkon über Thun. Seine Haare lang und blond, kecker Blick in die Kamera. Walo Schwarz-Weiss – wahrscheinlich in den 80er Jahren, im Hintergrund eine Fabrikhalle. Walo vor wenigen Monaten im ‹Alpenrösli› mit einem Bier und einer Zeitung. Und das Ganze wieder von vorn.
Andreas Oppliger 1956 – 2008
Die Urne gleitet in die Erde. Stille. Ein Schniefen. Ein Schluchzen. Ein Gedicht. Jemand geht zum Grab, wirft eine Blume hinein. Andere folgen diesem Beispiel. Blumen fallen in die Erde, Sonnenblumen, Rosen und andere Erinnerungsstücke, Glücksbringer. Ein Mann steht neben mir, dunkles Haar, bleich – ein Drogenabhängiger. Ich habe ihn auch schon gesehen. Er ist unsicher auf den Beinen. Er wird nervös, tritt von einem Bein auf das andere. Sein Blick streift suchend umher. Er verschwindet nach hinten, weg vom Grab. Immer noch Stille. Manchmal tritt wieder jemand aus der Menge, wirft eine Blume ins Grab. Jetzt tritt der Drogenabhängige aus der Menge hervor. Er geht zum Grab, kniet nieder, wirft eine Handvoll Erde in die Tiefe. Er bekreuzigt sich, steht wieder auf. Seine Hände wischt er an den Jeans ab und er geht.
Daniela ruft mich an. Sie hat meine Nummer in Walo’s Handy gefunden. Sie hat beim Aufräumen eine Kiste gefunden mit Fotos – eine Sammlung von Bildern aus fast 52 Jahren – darunter auch die Bilder, die ich gemacht habe von Walo.
Einige sehen abgenutzt aus, geknickt. je t’aime et je t’aime et je t’aime glaube ich auf einem Foto in fast unleserlicher Schrift entziffern zu können – Kugelschreiberschrift tief in die glänzende Schicht des Fotopapiers eingeritzt. Ich weiss nicht, wer das geschrieben hat. Ich kenne Walo’s Schrift nicht, aber die Fotos haben mit Walo schon ein bisschen mitgelebt. Ich gebe die Bilder aus den letzten Monaten von Walo’s Leben einigen Menschen, die ihm nahe gestanden haben. Sie sollen jetzt den Alltag seiner Freunde, seiner Familie begleiten. In einigen Wochen werde ich sie wieder holen und sehen, was mit den Bildern von Walo bei seinen Freunden, bei seiner Familie passiert ist.
Ich treffe mich mit Barbara im ‹Waisenhaus› zu einem Kaffee. Ich glaube, sie ist Walo’s grosse Liebe gewesen.
Schon Tage vor seinem Eintritt ins Spital haben ihm seine Freunde geraten zum Arzt zum gehen, erzählt sie mir. Seine Augen sind gelb gewesen. Sein Arzt sei in den Ferien, hat Walo gesagt. Daniela ist die erste, die ihn im Spital besucht. Barbara ist noch in den Ferien und Maye wohnt in einer anderen Stadt. Das Spital hat eine Bezugsperson verlangt, die man informieren kann, wenn etwas ist. Walo hat Daniela angegeben. Sie sind jeden Tag zusammen gewesen im ‹Alpenrösli›. Sie haben sich gut gekannt. Als Daniela vor einigen Jahren aus dem Wallis nach Thun gekommen ist, hat sie Walo kennen gelernt, einer der ersten Menschen aus Thun. Walo hatte ihr den Job vermittelt im ‹Alpenrösli›. Am Abend ist Barbara ins Spital gekommen. Daniela und Barbara haben sich gekannt. Sie haben sich einige Male im Alpenrösli gesehen, wenn Barbara Walo besucht hat. Sie haben Maye angerufen, Barbara und Daniela, sie informiert, dass es Walo nicht gut geht. Am nächsten Tag sind alle drei Frauen im Spital Thun. Walo hat nun drei Bezugspersonen, die er dem Spital angegeben hat – drei Bezugsfrauen, Maye, seine Schwester, Barbara und Daniela – so etwas wie seine Tochter. Sie haben sich durch Walo kennen gelernt, die drei Frauen – die drei Engel für Walo. Sie drei sind viel bei Walo im Spital, organisieren nach seinem Tod die Beerdigung, räumen seine Wohnung aus.
«Frauenbeine in Stiefeln sind sexy» sagt Walo, als ich mit meinen hohen Cowboystiefeln vor Fabiennes Tisch im ‹Alpenrösli› stehe. Es klingt wie eine freudige Feststellung – seine ersten Worte an mich. Er ist dabei aufgestanden und macht mir einen Platz frei. Ich schaue ihn an, überrascht irgendwie über diese Begrüssung. Er trägt auch Stiefel und blickt einfach freundlich zurück. Ein klarer Blick aus getrübten Augen. «Danke» lache ich und setze mich zu ihm und Fabienne an den Tisch. Fabienne arbeitet seit kurzer Zeit im ‹Alpenrösli› Es ist noch kein Gast da. Es ist erst fünf. Nur Walo. Wahrscheinlich ein Stammgast, denke ich. Ich habe ihn auch schon in der Stadt gesehen, spazieren mit einem Hund. Er ist mir aufgefallen. Seine Haare, schon etwas grau, fallen in langen Strähnen über seine schwarze Lederjacke – ein leicht vornübergeneigter Gang, der grosse Hund.
Warum ich mich von ihm nicht provoziert gefühlt habe bei seiner Begrüssung, frage ich mich und schaue ihn erneut an. Sein Blick wirkt offen, interessiert. Er trinkt sein Bier aus, steht auf und verschwindet hinter die Theke. «Wer ist das?» «Walo. Er gehört hier fast dazu. Er wohnt im ersten Stock.» Walo kommt mit einem frischen Bier und setzt sich wieder zu uns.
«Woher kommst du?»
«Was machst du?»
«Hast du schon mal ausgestellt?»
«In Thun auch?»
«Dann kennst du Reto Camenisch?»
Er will alles von mir wissen. Es folgen interessante Diskussionen – über die Kunst, über Politik und die Geschichte, über Vergangenes, selber Erlebtes, Gelesenes, über Filme und Musik. Walo erzählt. Walo will meine Ansichten hören.
Wenn ich Fabienne im ‹Alpenrösli› besuche, vergesse ich die Zeit – jedes Mal.
Walo ist in Thun aufgewachsen. Er lebt in Thun. Er liebt Thun und er hasst Thun.Er kennt viele Leute und sie kennen ihn. Viel mehr gibt er nicht preis. Aber er grüsst immer auf der Strasse. Er grüsst in seiner Lederjacke, mit dem Hund. Bei Regen trägt er manchmal einen braunen Hut mit Krempe und Ohrenwärmer an den Seiten. Wir biegen beim Kreisel rechts in die Allmend-
strasse ein. Vor uns ein Mann mit Hund, Walo. Er wirkt irritiert, scheint mich nicht wahrzunehmen, obwohl ich direkt vor ihm stehe und grüsse. Als wäre ich ein Phantom blickt er mich an, als wäre er soeben aus einem Traum erwacht. Wir gehen weiter und ich erzähle meiner Mutter von Walo. Sie findet ihn gut aussehend. Erstaunlich in meinen Augen. Wird wohl aus den 68er kommen, diese Vorliebe für langhaarige Männer, denke ich mir. «Er hat gelebt. Das sieht man.» Ergänzt sie noch, vielleicht weil sie meinen überraschten Blick bemerkt hat.
Walo sitzt schon an seinem Stammplatz, als ich das ‹Alpenrösli› betrete, vor einer Zeitung. Er liest jeden Tag Zeitung. Wenn er das lokale Blatt gelesen hat, widmet er sich weiteren Tageszeitungen, trinkt dazu einen Kaffee und holt sich dann ein Bier. Ich setze mich zu ihm. Er liest den Artikel zu Ende – es geht um den Bau des Fussballstadions, sehe ich.
Ich mag Menschen, die sich nicht stören lassen. Er blickt auf. «Regine. Regine von Felten, nicht wahr?» Er will wissen, wer das gewesen ist letzte Woche, als sich unsere Wege an der Allmendstrasse gekreuzt haben. Walo kennt meine Mutter. Er kennt auch Therese. Therese – er nennt sie Resä – die jüngere Schwester meiner Mutter. Walo wurde noch Andreas genannt damals und fand meine Tante toll. Seine Eltern haben ein Reinigungsgeschäft geführt in der Stadt.
«Wie sieht sie heute aus?»
«Hat sie Kinder?»
«Wo lebt sie?»
Andreas Oppliger. Meine Mutter erinnert sich an den Andreas. Er ist ein paar Jahre jünger und hat schon als Jugendlicher langes Haar gehabt – blondes, langes Haar. Meine Tante sagt, er sei zurückhaltend, schüchtern gewesen. Aber als Walo kennen sie ihn nicht. So wird er erst nach der Schule genannt. Der Ursprung dieses Namens sei kompliziert, meint Walo, als ich danach frage. Er komme von einer Comicfigur. Ein abgeleiteter Name einer Comicfigur, die viel trinkt. Er habe auch viel getrunken mit 16, deshalb der Name. Als Andreas, als Res kennen sie ihn, die zwei Baumann Schwestern. Er ist manchmal mit anderen Jungen zu ihnen gekommen, zum Bierdepot, wo mein Grossvater gearbeitet hat. Er sei der jüngste gewesen, jünger noch als Therese – deshalb vielleicht auch die Schüchternheit.
Es wird wieder Winter. Fabienne arbeitet schon lange nicht mehr im ‹Alpenrösli›. Ich bin auf dem Heimweg – woher weiss ich nicht mehr. Es dämmert – schönes Licht, Walo mit Hund und Sonnenbrille im Selve Areal. Für einen kurzen Moment ist es, als würde ich ein Foto von Walo anschauen und ich weiss, dass ich Walo fotografieren muss.
«Wofür brauchst du die Bilder?»
«Was muss ich machen?»
«Kann ich Arbeiten von dir sehen?»
Ich erzähle ihm von meinen Projekten, von meinen Ideen, möchte aber keine Bilder zeigen – erst nachher, nach unserer Zusammenarbeit.
Eine Woche später sitzen wir bei Hidir, im ‹Café Central› auf dem Mühleplatz – ich mit meiner ‹Nikon› und Walo. Walo trägt wieder die Sonnenbrille. «Sie ist ein bisschen verbogen, meine Brille, aber wie findest du sie? Ich habe sie geschenkt bekommen.» Ein bisschen staubig ist sie auch, aber ich mag Fliegersonnenbrillen.
Walo trinkt ein Bier, erzählt Anekdoten aus seinem Leben.Dann will Walo Zeitung lesen. Ich bezahle. Wir gehen eine Beiz weiter, zu Kaffee und Zeitung. Walo setzt seine Lesebrille auf und liest, schüttelt den Kopf, lacht und murmelt vor sich hin. Ich sitze ihm gegenüber. Ich suche Bilder und drücke ab. Wir reden nichts mehr – 40 Minuten vielleicht. Dann noch ein Bier. Walo bezahlt. Wir gehen.
Die meisten Treffen finden im ‹Alpenrösli› statt. Manchmal gehen wir nach Kaffee, Bier und Zeitung noch weiter. Manchmal bleiben wir in Gesprächen hängen, an der Wärme bei Daniela, Nora und Röbu – ihm gehört das ‹Alpenrösli›. Walo geht nicht so gerne aus dem Haus, wenn es kalt und regnerisch ist. Den Spaziergang mit dem Hund macht er aber bei jedem Wetter, halt nur einen kurzen Rundgang ins Schwäbis.
Als ich das ‹Alpenrösli› zum abgemachten Zeitpunkt betrete – wie immer um vier – ist Walo noch nicht da. Daniela ist fast immer da, wenn ich komme. Daniela arbeitet im ‹Alpenrösli›, bietet mir etwas zu trinken an – Espresso und Wasser – und ruft nach Walo. Er ist erstaunt, dass schon vier ist. Wir setzen uns an den Tisch neben der kleinen Bühne. Daniela setzt sich zu uns – wahrscheinlich sitzen sie oft vor der Öffnung des ‹Alpenrösli› so zusammen. Ich habe sie auch schon so angetroffen, am langen Tisch neben der Bühne. Wir reden über den vergangenen Tag, über Berichte der Zeitung, das letzte Wochenende. Ich mache Bilder. Die Gespräche laufen fast ungestört weiter – fast ungestört vom Kliklack der ‹Nikon› und meinen Verrenkungen. Walo nimmt meinen Fotoapparat kaum wahr. Manchmal fragt er, ob er in die Kamera schauen soll oder nicht. Dann reden wir über Fotos, über Kameras. Walo holt seine kleine schwarze Kompaktkamera, sie funktioniert im Moment nicht. Auf dem letzten Film ist nichts. Er will noch zum Fotogeschäft ‹Schuler› heute.
Er hat sie, seine ‹Panasonic›, von seinem Vater bekommen. Manchmal fotografiert er an Konzerten, einmal im ‹Bierhübeli› und manchmal im ‹Alpenrösli›, da fotografiert er auch seine Freunde und andere Gäste. Das nächste mal, sagt er, will er mir seine Fotos zeigen. Er müsse sie noch suchen. Er habe auch noch Fotos, die Christian Helmle und Reto Camenisch von ihm gemacht haben. Camenisch habe ihn einmal fotografiert für ein Buch. Danach habe er ein Bier spendiert bekommen.
Er erzählt viel von Reto. Er weiss immer wann er ausstellt und wo. Ich habe lange nicht gewusst, dass sie so gute Freunde gewesen sind. Ich habe gedacht, Walo bewundert diesen Fotografen, der einige Bilder von ihm gemacht hat. Dann holt Walo das Buch, ‹Bürgerbilder› voller Stolz. Das Buch sieht schon abgenutzt aus, vom vielen Anschauen und Zeigen, wahrscheinlich. Die Seite mit seinem Portrait findet er schnell – vielleicht weiss er die Seitenzahl oder es sind die vielen Ecken, die seinen Daumen beim Durchblättern stoppen. Er schlägt die Seite auf, Seite 121 Walo in Schwarz-Weiss vor schwarzem Hintergrund mit einer Lichterkette. Er hält ein Bier. ‹Freak› steht darunter. Das zeigt er mir lachend. Walo beginnt zu erzählen. Er erzählt mit glänzenden Augen von früher. Sie haben zusammen die Jugendjahre erlebt, Reto, er, Röbu und weitere Freunde. Sie sind oft ausgegangen, in verschiedene Bars und Kneipen, in die ‹Schlossbergbar›, in die ‹Tigerfalle›. Sie haben viel ausprobiert, Grenzen ausgetestet, sagt er und sie haben noch an eine bessere Welt geglaubt. «Das waren wilde Zeiten» sagt er, aber irgendwann sei jeder seinen eigenen Weg gegangen. Nora ruft. Es hat einen Regenbogen am Himmel.
Jedes Mal, wenn wir uns treffen, bringe ich ihm die neuen Fotos mit. Er soll sie bei sich aufbewahren. Er soll sie in seinen Alltag integrieren – einfach keine Sorge dazu tragen. Irgendwann werde ich sie wieder holen und sehen, was mit meinen Bildern von Walo bei Walo passiert ist.
Ich rufe Walo an – wie er mich gebeten hat, immer nach 14 Uhr. Vorher schläft er wahrscheinlich noch. Er sagt, er sei gerade im Stress. «Vielleicht morgen. Geht das auch? Dann ruf morgen noch einmal an.» Er will ausziehen aus der Wohnung oberhalb des ‹Alpenrösli›. Er ist auf Wohnungssuche und er muss noch putzen und einkaufen im ‹Coop›. Walo geht nie in die ‹Migros›, immer in den ‹Coop›.
Walo ist oft im Stress. Es passt einfach gerade nicht. Er hat andere Pläne.
Beim nächsten Anruf hat er Zeit. Ich gehe wieder um vier ins ‹Alpenrösli›. Ich stehe im Eingang. Walo kommt mit seiner Panasonic die Treppe runter. Ich muss mich hinstellen, in seine Kamera schauen. «Sie funktioniert wieder. Der letzte Film ist nicht richtig eingespult worden. Kannst du mir nachher einen neuen einlegen?» Er legt eine Schachtel auf den Tisch, holt uns einen Kaffee. Wir setzen uns. In der Schachtel befindet sich seine Fotosammlung. Eine reiche Sammlung an Bildern aus verschiedenen Zeiten. Da sind Bilder aus seiner Jugend – die Farben verblasst, selbst entwickelte Schwarz-Weiss-Bilder – von Reto Camenisch, von Christian Helmle. Und er hat auch Passbilder von sich aus dem Schwarz-Weiss-Automaten – noch alle Vier an einem Stück und neuere Farbbilder von Menschen im ‹Alpenrösli›, von Frauen und Bilder, die ihn zeigen an verschiedenen Orten. Einmal sieht man ihn auf einem Hof – da war er dicker als jetzt. «Ich müsse abnehmen, hat der Arzt gesagt. Er gab mir nicht mehr viel Zeit zu Leben, wenn ich nicht meine Lebensumstände ändere.» Zu jedem Foto erzählt er eine Geschichte, erklärt mir, wer zu sehen ist, nennt jeden Namen.
Dann will Walo im ‹Selve Areal› fotografieren gehen. Das hat er schon vor einiger Zeit vorgeschlagen. Es erstaunt mich, dass Walo raus will. Es regnet. Es ist kalt. Aber heute setzt er seinen Hut auf, klappt die Ohrwärmer runter und packt die Kamera ein.
Das ‹Selve Areal›, eine alte Industriestrasse, bis vor kurzem die Ausgangsmeile der Thuner Jugend. Jetzt weichen die alten Hallen den Büros der Behörden. Einige Gebäude sind schon abgerissen, andere stehen noch, aber es wirkt tot. Wie ein Friedhof aus Erinnerungen. Scheiben sind eingeschlagen, Türen eingetreten und wieder mit Holzlatten abgeschlossen. Walo wählt die Orte aus, wo er fotografiert werden will – vor der Malung der Erde, vor einem Graffiti einer lasziv liegenden Frau, vor seinen Clubs - und er zeigt mir den roten Backsteinkamin, der Turm hinter dem ehemaligen ‹Club Ex›. «Hoffentlich sehe ich, wenn sie den abreissen! Da würde ich wirklich gerne zuschauen.»
Wenn er sich vor eine ausgewählte Wand, vor eine Türe stellt für ein Foto klappt er die Ohrwärmer hoch, versteckt sie unter dem braunen Hut. Manchmal setzt er die Sonnenbrille auf.Im ‹Late Night› hat er manchmal Musik aufgelegt. Er war von Anfang dabei in der ‹Selve›, als es angefangen hat mit den ersten Clubs. Er schaut durch jedes Fenster, durch jede Ritze in die leeren Hallen er erzählt.
Einmal an einem Abend, als ich vor einem Konzertbesuch im ‹Café Mokka› noch kurz nebenan ins ‹Alpenrösli› gehe, sitzt Walo auf einem Barhocker am Tresen, in Begleitung einer Frau. Eine schöne Frau, dunkles, langes Haar, blaue, dezent geschminkte Augen, aufmerksamer Blick. Sie lachen. Walo ist ganz konzentriert auf sie. Walo stellt sie mir vor. Barbara. Ich habe Walo schon oft mit Frauen gesehen, mit jungen Frauen, älteren Frauen. Aber das muss jetzt Barbara sein. Er hat von ihr erzählt. Er kennt sie seit seiner Jugendzeit. Sie waren damals ein Paar, bis sie ging – nach Italien, dann nach Zürich. Vor kurzem haben sie sich getroffen. Sie hat zwei Kinder, beschäftigt sich mit Astrologie. Sie hat ihm sein Horoskop erstellt. Es sei erstaunlich, wie viel tatsächlich auf ihn zutreffe, hat mir Walo eines Nachmittags im ‹Ratstübli› erzählt. Das muss jetzt also diese Barbara sein. Es ist laut und hat viele Leute. Ich gehe in’s ‹Mokka›.
Im Sommer habe ich Walo fast nie besucht. Etwas ist immer dazwischen gekommen – entweder ist er im Stress gewesen oder ich. Telefoniert haben wir ein paar Mal. Er hat jedes Mal nachgefragt, was ich mache. Ich habe ihm von meinen Reisen nach Deutschland erzählt, von meinen Ausstellungen.
Im August rufen mich meine Eltern an. Ich bin unterwegs, irgendwo. Sie sind nach Thun spaziert. Sie haben Walo auf einem seiner Hunderundgänge angetroffen. «Seine Augen sind ganz gelb. Ich glaube nicht, dass Walo noch lange leben wird. Vielleicht nur noch ein paar Tage.» sagt mein Vater. Auf die Frage, wie es ihm gehe, habe er geantwortet: «Jetzt haben sie gerade den Turm abgerissen. Ich habe zugeschaut.» Ich habe gewusst, dass es Walo nicht so gut geht. Er hat viel getrunken. Und man hat erzählt in der Stadt – man hat erzählt von seinen Leberproblemen. Vor drei Jahren hat er für einige Monate aufgehört zu trinken, weil ihm ein Arzt ins Gewissen geredet hat und seine Freunde auch. Irgendwann hat er wieder angefangen.
Zwei Tage später rufe ich an. Es ist Dienstag. Ich verstehe Walo schlecht. Er spricht undeutlich. Er spricht langsam, mit schwerer Zunge. «Ich bin im Spital. Es geht nicht so gut.» Er will Besuch, einfach nicht zu früh, meint er, nach dem Mittag.
Am Mittwoch betrete ich das rote Spital, mit dabei meine ‹Nikon›, meine Arbeit ‹Pilze haben keine Blätter›, ein Stapel Zeitungen. Es ist kurz nach Mittag. Andreas Oppliger liegt im Zimmer 408. Ich klopfe, trete ein. Walo... Gelbe Augen versuchen Bilder einzufangen, versuchen mich einzufangen. Gelb ist auch die Haut. Er liegt direkt am Fenster, sieht zum Schloss. Zwei Frauen sind da. Barbara und Maye. «Kommst du morgen wieder?» Walo schaut Barbara an, hält ihre Hand mit beiden Händen fest. Sie verlassen das Zimmer – ich weiss nicht, ob sie gerade gehen wollten oder ob es meinetwegen ist. Ich lege die Zeitungen auf den Tisch, neben Blumen und Teekrug. Er wird sie nicht lesen. Ich setze mich zu ihm ans Bett. Seine Augen schauen mich durch einen trüben Schleier an. Seine Augen fixieren mich. Wir wechseln einige Worte. Es fällt ihm schwer zu sprechen. Ich zeige ihm ‹Pilze haben keine Blätter›. Er zittert leicht, hat kaum Kraft in den Händen. Manchmal stöhnt er ein bisschen. Ich blättere weiter. Er strengt sich an, kommentiert jedes Foto. Walo hat Schmerzen. Er hat Bauchschmerzen, Rückenschmerzen. Eine Frau betritt das Zimmer. Sie fegt den Boden. «Was hat sie da geschrieben, deine Grossmutter?» Walo hat Durst. Er trinkt ein bisschen Tee, zwei kleine Schlucke aus dem Glas, das ich halte. «Sind das Pilze? Warum hat sie die an die Decke gezeichnet?» Dann leises Stöhnen. Nach dem letzten Bild verabschiede ich mich. Walo will etwas schlafen. «Machs gut in Berlin!» sagt er. «Melde dich doch nächste Woche. Ich muss jetzt ein bisschen schlafen. Vielleicht geht es mir ja nächste Woche besser.» An der Türe steht Maye mit zwei Jungen – wahrscheinlich ihre Söhne. Sie sagt, sie sei die Schwester von Walo. Walo drückt meine Hand. Tschau Walo, sage ich. Tschau Walo und merci, denke ich. Ich gehe mit der ‹Nikon›. Ich habe sie nicht ausgepackt.
Die Sonne strahlt – der Himmel ganz blau. 31. Juli, halb vier. Die Abdankungshalle des Krematoriums ist düster, erhellt durch eine Diaprojektion an der Wand links vom Rednerpult. Walo als Jugendlicher auf einem Balkon über Thun. Seine Haare lang und blond, kecker Blick in die Kamera. Walo Schwarz-Weiss – wahrscheinlich in den 80er Jahren, im Hintergrund eine Fabrikhalle. Walo vor wenigen Monaten im ‹Alpenrösli› mit einem Bier und einer Zeitung. Und das Ganze wieder von vorn, begleitet von seiner Lieblingsmusik.
Bilder auf www.reginevonfelten.ch
Der Dank geht an Walo
und an alle, die mir geholfen und mich unterstützt haben. Merci!